Über mich

"Ich war 16 Jahre alt, als ich das erste Mal einen toten Menschen fand. Herr N. gehörte nicht ins Altenheim, war aber durch seine Vorgeschichte aus Alkohol und Drogen auf eine Langzeitpflege angewiesen, sodass er mit seinen 50 Lebensjahren neben Senioren sein Dasein verleben musste. Angehörige hatte er keine oder sich diese von ihm abgewandt. Manchmal scherzte er mit den Pflegekräften bei einer Zigarette, doch meistens lag ein Ausdruck tiefer Unzufriedenheit auf seinem Gesicht. In diesem Altenheim arbeitete ich. Meistens übernahm ich die Frühschicht, bereitete das Frühstück zu und verteilte es unter den Bewohnern. 


Über den ausgewaschenen Klamotten trug ich eine weiße Schürze, an der man bereits um 7 Uhr die Frühstückswünsche der Bewohner ablesen konnte. In den Händen hielt ich ein Tablett, darauf ein Marmeladentoast und ein Schnabelbecher gefüllt mit Kaffee.


Die Tür zu Herrn N.´s Zimmer war wie immer offen und ich ging direkt durch den kurzen Durchgangsflur, stellte das Tablett ab und drehte mich um. Da erst fiel mir die Blutlache auf dem Boden auf, über die ich ein paar Sekunden vorher unbemerkt gestiegen war.  Mein Blick strich von dem angetrockneten Blut auf dem Boden zu dem stark gewölbten Vorhang, der den Flur von dem kleinen Bad abtrennte. Ich flüsterte den Namen von Herrn N., und wusste doch, dass ich vergebens auf eine Antwort warten würde.


Ich war gefangen in dieser Situation, die mir bereits wie eine Ewigkeit vorkam. Vorsichtig schob ich den Vorhang beiseite. In einer zusammengekauerten, gekrümmten Embryo ähnlichen Haltung lag Herr N. da. Das eingetrocknete Blut an Kopf und Gesicht, die offenen Augen, die ins Leere starrten, ließen keinen Zweifel an der Endgültigkeit seiner Situation. In der Nacht hatte sich der Tod in das Leben von Herr N. geschlichen. Die spätere Diagnose der Ärzte lautete: Schlaganfall auf der Toilette. Ich war 16 Jahre alt, als ich das erste Mal einen toten Menschen fand."

Photo credits: Sebastian Isacu

Schon damals bin ich Sterben und Tod ganz nah gewesen und habe mich gefragt: 

Was ist der Tod und wie würde ich gerne einmal sterben?


Mein Name ist Johanna und ich habe vor sechs Jahren angefangen, sterbende Menschen zu begleiten. Seitdem lässt mich die Thematik um Sterben, Tod und Trauer nicht mehr los. Mehrfach werde ich gefragt, warum ich mich ausgerechnet für die Sterbebegleitung entschieden habe… Warum nicht? Für mich ist die Auseinandersetzung mit einem der existenziellsten Themen unseres Lebens genauso wichtig wie der Vorgang der Geburt. Denn so ist es auch der Tod. Es war das Bedürfnis nach direkten, aufrichtigen und echten Begegnungen mit Menschen. Und vor allem war ich müde von der ganzen Oberflächlichkeit.


Parallel zu meinem Medienmanagement Studium fing ich also auf der Palliativstation in Würzburg an, den Menschen „glückliche Momente“ und ein Stück "Alltag" zurückzubringen: Plätzchen backen, basteln, musizieren, Blumen vorbeibringen oder einfach still am Bett sitzen und miteinander schweigen.


Neben meinem Master „Digitale Kommunikation“ in Hamburg, wo ich für das Onlinemagazin FINK.HAMBURG schrieb, ließ ich mich dann als Sterbebegleiterin ausbilden. Nach dem Grundkurs lernte ich Sarah kennen. Ein an Kinderdemenz erkranktes Mädchen, dass ich über eineinhalb Jahre begleitete. In meinem Auslandssemester an der Oslo Metropolitan University widmete ich mich der dortigen Bestattungskultur und durfte danach in Südafrika den Umgang mit Sterben und Tod im Hospiz des heiligen Gérard in Mandeni kennenlernen und in den Elendsvierteln den Menschen helfen.


Zurzeit arbeite ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Regensburg für den Studiengang "Perimortale Wissenschaften" und promoviere mit Schwerpunkt der Patientenautonomie bei todkranken Kindern. Ehrenamtlich begleite ich weiterhin die Menschen auf der Palliativstation der Barmherzigen Brüder in Regensburg und leite zusammen mit anderen Kollegen eine Kindertrauergruppe und die Trauerwerkstatt für junge Erwachsene.


Zudem findet ihr mich auch im Netzwerk von Bohana: der Plattform für die Themen Bestattung, Trauer und Vorbereitung.

Der Tod als Thema - warum?

Früher war mir nie klar, was ich gut kann und wofür ich wirklich brenne. Eine grenzenlose Überforderung von all den Möglichkeiten, die unserer heutigen Generation geboten werden. Ich war beeindruckt von den Menschen, die schon früh wussten, in welchem Beruf sie später mal arbeiten wollen. Es ging darum, möglichst schnell sein Studium zu beenden, um jung und dynamisch in einen gut bezahlten Job zu starten. So die Vorstellung und Motivation. 


Doch was nützt mir mein ganzes Geld, mein geiler Job und meine Anerkennung in der Gesellschaft, wenn alles mit einem Mal zu Ende sein kann? Was ich über meine Begleitungen gelernt habe: Nichts ist für immer und unser Leben ist bestimmt von unserer eigenen Sterblichkeit. Der Tod schleicht sich manchmal ganz leise in unser Leben oder kommt laut daher. Es kann jeden treffen. Immer. 


Und als ich anfing, den Tod in mein Leben zu lassen, umso weniger ängstigte er mich. Die direkte Begegnung mit sterbenden Menschen ist intensiv und wunderschön. Mit jeder neuen Begegnung erwartet mich eine neue Geschichte: eine Geschichte vom Leben und vom Sterben. Ich möchte all diesen Geschichten einen Raum geben, um unsere Ängste, Sorgen und Erinnerungen zu teilen. Denn wie Bertolt Brecht sagte: "Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt."

Meine Begleitungen

In meinen Begleitungen habe ich mich auf die Arbeit auf Palliativstationen und in der Kinder und Jugendhospizarbeit spezialisiert. Vor allem der Umgang mit Kindern, die an seltenen Erkrankungen wie Kinderdemenz (NCL) und dem Alagille-Syndrom (ALGS) erkrankt sind, sind mir vertraut.