„Der Abschied der Eltern kommt immer zu früh.“

Was bleibt von uns, wenn wir sterben? Isabel (34) und Corinna (28) Krücker sind sich einig: der Abschied der Eltern kam zu früh, darauf vorbereiten kann man sich nicht. Ein Gespräch über den Verlust ihrer Eltern, die Trauer danach, aber auch, warum es sich lohnt zu leben.

1. Wir verdrängen gerne das Sterben und den Tod. Erst ist eure Mutter, dann euer Vater gestorben. Eine absolute Extremsituation. Wie habt ihr es geschafft, nach dem Tod eurer Eltern zurück ins Leben zu finden, wenn sich vorher eure ganze Realität auf das Sterben konzentriert hat?

Seit unserer Geburt werden wir mit den Themen Krankheit und Endlichkeit konfrontiert. Papa musste sich bereits in Isabels Kindesalter seiner ersten Krebserkrankung stellen – aus diesem Grund liegen auch 6 Jahre zwischen uns.

Leider hat der große Altersunterschied dazu geführt, dass wir uns früher überhaupt nicht verstanden haben – wir waren wie Feuer und Wasser. Zum Glück wird man mit den Jahren nicht nur älter, sondern tatsächlich auch weiser. Heute sind wir froh, einander zu haben und verbringen gerne Zeit miteinander. Man hat immer zwei Möglichkeiten, wenn man Leid erfährt: an dem Trauma zu Grunde zu gehen oder sich weiterzuentwickeln.

Jede Diagnose unserer Eltern hat uns im Laufe der Jahre immer wieder erneut den Boden unter den Füßen weggerissen. An diese Zeit werden wir uns unser ganzes Leben lang erinnern. Die Fassungslosigkeit, das Hoffen auf ein Wunder, die lähmende Angst, aber auch die Gewissheit, unseren Eltern immer beigestanden und ihre Wünsche respektiert zu haben, auch über ihren Tod hinaus. Durch unsere Nähe zu den Niederlanden hatten wir ganz andere Möglichkeiten. Ein Teil der Asche verweilt jetzt in einem Armband. Es zeigt uns, dass sie immer an unserer Seite sind.

Erinnerungen sind das Wertvollste, was uns von unseren Eltern bleibt.

Isabel und Corinna Krücker

2. Habt ihr teilweise nur noch „funktioniert“?

„Funktioniert“ ist hier genau das richtige Wort. Leider bleibt die Welt nicht stehen, sondern dreht sich einfach weiter. Plötzlich standen wir vor der schwierigen Aufgabe, uns gemeinsam um die Hinterlassenschaften zu kümmern, alle Freunde und Bekannte anzurufen und die Einäscherung zu organisieren. All das, was Papa damals bei Mamas Tod übernommen hatte. Wir waren oft wie betäubt. Anfangs konnten wir einfach nicht glauben, was passiert ist. Grundlegendes wie essen, trinken und schlafen fiel uns schwer. Gleichzeitig mussten wir unser Elternhaus verkaufen und so viel Bürokratisches erledigen – das kann überfordern. Deshalb war es für uns am Wichtigsten, dass uns jemand im Alltag unterstützt. Für Trauer bleibt oft gar nicht richtig Zeit. Darum geht es: das eigene Überleben erstmal sichern.

3. Wie ist euer Umfeld damit umgegangen?

Wir sind sehr froh darüber, dass wir beide Partner haben, die in dieser Zeit viele Dinge für uns in die Hand genommen haben und immer für uns da sind.

Allerdings haben wir auch gemerkt, dass manche Leute um uns herum nicht automatisch auf sensibel umstellen. Viele sprechen die Situation nicht an, weil sie selbst Angst haben, etwas falsch zu machen. Aber man hilft „uns Hinterbliebenen“ nicht, indem man über den Verlust schweigt. Keiner kann uns unseren Schmerz nehmen. Aber dabei sein und bleiben, während wir ihn tragen, schon. Nichts kann unsere Eltern zurückbringen, aber unsere Trauer ist kein Problem, das man lösen muss.

Foto: Krücker.

4. Als Kind sind die Eltern unsere größten Vorbilder. Unsere Eltern können alles, wissen auf alles eine Antwort – sind eigentlich unsterblich. Wie hat sich eure Sicht auf das Leben verändert, als ihr von der Diagnose eurer Mutter erfahren habt?

Bereits als Kinder mussten wir mit zunehmendem Krankheitsverlauf feststellen, dass sich immer mehr Menschen aus dem Leben unserer Eltern verabschiedeten – nicht nur Freunde und Bekannte, sondern auch die eigene Familie. Dadurch konnten wir aber auch früh lernen, dass es nicht auf die Menge an Menschen um uns herum ankommt, sondern auf die richtigen. 

Man sollte meinen, dass man mit einer Krebserkrankung schon gestraft genug wäre, aber es werden einem noch so viele Steine mehr in den Weg gelegt: Unsere Eltern mussten sich regelmäßig mit der Krankenkasse streiten, z.B. über Fahrtkosten. Das Argument: als kranke Chemopatient*in hat man genug Zeit die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen.

Für Mama war es sehr schwer, dass auch ihre eigenen Eltern nur noch für Anstandsbesuche kamen. Sie hat sehr oft geweint und sich gewünscht, nochmal von ihnen in den Arm genommen zu werden. Leider sollte es dazu nicht mehr kommen. Nach ihrem Tod haben sich unsere Großeltern noch nicht einmal nach der Bestattung erkundigt. 

Die Zeit nach ihrem Tod war schlimm, nicht nur für uns, sondern natürlich auch für unseren Papa. Ihn so traurig und hilflos zu sehen, brach uns das Herz. Ihre Ehe war bei Weitem nicht perfekt, aber mit unserer Mama starb noch so viel mehr: seine Ehefrau, große Liebe und beste Freundin. Unser Verhältnis hat sich dadurch verändert und auch teilweise umgedreht. Wir haben weiterhin versucht, ihn so viel wie möglich zu unterstützen. Wir waren füreinander da, haben uns an früher erinnert: „Eine Mama kann vieles ersetzen – aber niemand kann eine Mama ersetzen.“

Unsere Trauer ist kein Problem, das man lösen muss.

Isabel und Corinna Krücker

5. Was sind die berührendsten Momente, die ihr mit euren Eltern erlebt habt?

Wir haben unglaublich tolle Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit unseren Eltern: Mama, die immer da war, wenn wir aus der Schule nach Hause kamen. Papa, der mit Begeisterung Musik aufnahm und wir somit immer die aktuellsten Kassetten für unseren Walkman hatten. Die gemeinsamen Urlaube auf Gran Canaria. Der Roadtrip durch den Westen der USA, den wir gerne noch zu viert gemacht hätten. Es sind einfach alle Geburtstage, Feste, Spieleabende und auch die kleinen Momente im Alltag, die wir zusammen erlebt haben.

Aber in der ersten Zeit waren all diese Erinnerungen unheimlich schmerzhaft. Eine bestimmte Situation, ein Lied im Radio, ein altes Foto – alles erinnerte uns an unsere Eltern und die traurige Tatsache, dass sie nie wieder da sein werden. Irgendwann kommt jedoch der Zeitpunkt, an dem der Schmerz einer Wehmut weicht und man erkennt: Erinnerungen sind das Wertvollste, was uns von unseren Eltern bleibt.

6. Was vermisst ihr am meisten? 

Am meisten vermissen wir, dass wir nie wieder über alles Mögliche mit den beiden sprechen und lachen können. Selbst die Kämpfe, die wir ausgetragen haben, weil wir alle einfach verdammte Dickköpfe waren. Wir können ihnen nichts mehr erzählen oder sie umarmen. Oft denken wir daran, was sie zu bestimmten Dingen gesagt oder worüber sie sich gefreut hätten. Es macht uns traurig, dass Mama und Papa so viele wichtige Momente in unserem Leben nicht mehr miterleben können.

Sterben geht jeden etwas an.

Isabel und Corinna Krücker

7. Wie hat sich eurer Leben seit dem Tod eurer Eltern verändert?

Nach dem Tod unserer Eltern war es für uns unbegreiflich, dass die meisten Dinge einfach weiterlaufen wie zuvor. Wenn die eigenen Eltern sterben, ist das ein Schock, der ein riesiges Loch hinterlässt. Ganz egal, wie alt man ist, der Abschied kommt immer viel zu früh. 

Lange Zeit haben wir unser eigenes Leben zurückgestellt und waren in einer Habachtstellung. Wir haben unsere Eltern gepflegt und mitbekommen, wie sie langsam aber sicher immer hilfloser wurden. Plötzlich vertauschten sich die Rollen. Das war eine enorme psychische Belastung. Jetzt müssen wir uns keine Sorgen mehr um die die beiden machen.

Wir wissen das Leben heute mehr zu schätzen und erkennen, wie wertvoll es ist, gesund zu sein. Wir akzeptieren, dass Veränderungen zum Leben dazugehören, auch wenn wir auf einige lieber verzichtet hätten. Aus dieser Erfahrung heraus entstand bei uns das dringende Bedürfnis für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod zu kämpfen. Damit niemand mehr so sterben muss wie unsere Eltern, denen wir unsere Petition gewidmet haben. Darauf wären sie bestimmt sehr stolz.

„You never know how strong you are until being strong is the only choice you have.“

Foto: Krücker.

8. Werdet ihr oft mit Floskeln wie „Zeit heilt alle Wunden“, „ihr seid ja noch jung“ konfrontiert? Wie geht ihr damit um?

Trauer dauert nicht nur ein paar Wochen, Monate oder Jahre und ist dann vorbei. Sie hört nie auf, aber man lernt damit zu leben.

Es ist schade, dass das Sterben und der Tod in unserer Gesellschaft oft noch Tabuthemen sind, mit denen man sich lieber nicht auseinandersetzen möchte. Das führt dazu, dass wir nicht nur mit unserem eigenen, oft ambivalenten Gefühlschaos zurechtkommen, sondern uns auch noch darum Gedanken machen müssen, dass manche Bemerkungen nichts mit unserer Trauer zu tun haben, da Außenstehende sich nur schwer in die Situation hineinversetzen können. Solche Äußerungen sind für die Trauerarbeit nicht hilfreich und setzen uns noch zusätzlich unter Druck.


Den zweiten Teil des Interviews über Sterbehilfe und die Petition, die Isabel und Corinna gestartet haben, lest ihr hier.

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