Benedict Wells
Fotograf: Mike Koob

„Schreiben bedeutet in einer anderen Welt zu sein.“

Benedict Wells

Der Bestsellerautor Benedict Wells war zu Gast in Regensburg. Im Degginger durfte ein kleiner Kreis seinen Kurzgeschichten aus „Die Wahrheit über das Lügen“ lauschen. Dabei wurden auch ganz persönliche Fragen gestellt.

Die letzte Veranstaltung vor dem Lockdown im Stadttheater Regensburg war die Auftaktveranstaltung von Regensburg liest ein Buch mit Benedict Wells. Übrigens: In der Zwischenzeit erhielt der Verein den Kulturförderpreis der Stadt Regensburg. (Die Preisverleihung findet am 17. November statt.) Jetzt, Ende September, hat Wells Regensburg einen erneuten Besuch abgestattet, um aus „Die Wahrheit über das Lügen“ vorzulesen.

Benedict Wells
Benedict Wells im Gespräch. Fotograf: Mike Koob

Wahrheit und Lügen

Benedict Wells gab in seiner Lesung vor allem tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt. Es erstaunt nicht, dass er mit seinem Bestseller „Vom Ende der Einsamkeit“ ein schweres Gewicht getragen hat. „Man kommt an seine Grenzen. Wenn meine Freunde abends ins Bett gingen, habe ich meistens bis 5 Uhr morgens geschrieben. Jahrelang.“ Sieben Jahre hat Wells an dem Roman gesessen, neue Fassungen geschrieben und alte wieder verworfen. Einen Teil davon haben Platz in „Die Wahrheit über das Lügen“ gefunden, aus dem er vor einem kleinen Publikum vorgelesen hat.

So auch „Die Entstehung der Angst“, in dem es um die Beziehung zwischen Protagonist Jules und seinem Vater geht. Und obwohl es bei Wells immer sehr in die Tiefe geht, wird hier nur ein sehr unscharfes Beziehungsgeflecht abgebildet, um möglichst viel Freiraum für die eigene Interpretation zu lassen. Allem Anschein nach erschien es Wells zu einfach, anhand alter Tagebucheinträge die erleuchtende Erklärung für das schwierige Verhältnis zu liefern. Ganz bewusst ließ er Lücken, um den Lesern die Freiheit zu geben, sich selbst einen zweiten Handlungsstrang dazuzudenken.

Benedict Wells. Fotograf: Mike Koob

Die leeren Seiten füllen im Angesicht des eigenen Scheiterns.

„Schreiben ist intrinsisch.“

Für Wells ist es wesentlich einfacher Kurzgeschichten zu schreiben. Man setzt emotional nicht all-in wie bei einem Roman. „Das Interessante ist aber eigentlich das nicht schreiben vorher.“ Denn da hat er die ganze Geschichte schon im Kopf, die Handlung, die Charaktere oder irgendwelche lustigen Situationen. Aber, wenn es dann schwarz auf weiß geschrieben steht, ist es oft eine Enttäuschung, zwinkert Wells. „Es geht darum, die leeren Seiten im Angesicht des eigenen Scheiterns zu füllen.“

Darum bastelt er so lange an verschiedenen Fassungen herum, bis letztendlich die Geschichten entstehen, die so tief berühren. Denn das ist es, was er immer wieder zum Ausdruck bringt: Mensch sein im Angesicht seiner eigenen Verletzlichkeit. Es ist ein schmerzhafter, wie ebenso lehrreicher Selbstfindungsprozess, wovon seine Romane erzählen. Für Wells ist Schreiben intrinsisch. Einfach ein innerer Drang, Geschichten zu erzählen: „Schreiben bedeutet auch immer in einer anderen Welt zu sein. Eine Welt, in der die anderen nicht sind.“

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