Lotte Ingrisch
Lotte Ingrisch. © Stefan Kleinowitz

Lotte Ingrisch: „Der Tod ist der große Verwandler.“

Mit welcher Leichtigkeit Lotte Ingrisch über große Themen wie Sterben, Tod und Trauer redet, fasziniert. Auch wenn immer ein Hauch von Nostalgie zu vernehmen ist. Man möchte nicht glauben, dass die gebürtige Wienerin im Juli ihren 90. Geburtstag feiert, hat sie doch erst im Februar 2020 ihr letztes Buch „Die Quantengöttin“ veröffentlicht. Ein Interview, dass das eigene Bewusstsein übersteigt und dem von uns definierten Tod die Wirklichkeit entzieht.

Johanna: An welchen Tod glauben Sie?

Lotte Ingrisch: Ich sehe das Leben und Tod als Frequenzfragen. Wenn wir sterben, verändern wir unsere Frequenz. Entweder nach oben, sie wird höher, oder eventuell geht sie auch herunter und wird dabei niedriger. Doch eine höhere Frequenz bedeutet ein höheres Bewusstsein. 

Sie schrieben einst über „das verlernte Sterben“? Könnten Sie hierzu noch etwas deutlicher werden?

Naja, in unseren Genen sitzen zweitausend Jahre römisch-katholische Angst. Die Kirche herrscht durch Angst und diese Angst haben wir in unseren Genen. Deshalb fürchten wir uns vor unserem Sterben und versuchen es zu vermeiden, solange es geht. Das ist natürlich purer Unsinn. 

Ich fürchte mich nicht vor dem Sterben und freue mich total darauf, denn ich bin schon so oft außerhalb des Körpers gewesen. Es war ein Gefühl purer Seligkeit und voller Erleuchtung, aber kaum war ich in dem „deppernden Fleisch“ zurück, war die Erleuchtung futsch und die Seligkeit auch.

Welche Erkenntnisse und Erfahrungen haben sie aus ihrer Sterbe- und Jenseitsforschung gewonnen, für die unsere Gesellschaft noch lange nicht bereit ist?

Die Gesellschaft ist noch lange nicht bereit diese Art der Forschung anzunehmen. 2000 Jahre römisch-katholische Angst in unseren Genen verhindert, dass sich die Menschen mit dem Tod und Sterben auseinandersetzen. Dabei sind das hoch-interessante Prozesse. Und jede Person ist eigentlich ein Prozess. Und zwar die lebendige Person und die jenseitige Person auch. Das sind Prozesse, die bedeuten, dass man sich fortwährend verändert. Und wehe, wenn es kein Prozess ist, in dem man sich nicht verändert. Das ist die wahre Hölle!

Ich möchte zum Beispiel nicht in alle Ewigkeit – tot oder lebendig – die Lotte Ingrisch sein. Der Tod ist der große Verwandler. Er ist der Verzauberer der Verwandlung. 

Der Tod verwandelt Materie in Geist.

Lotte Ingrisch

Quantenphysik und Sterbeforschung würde man normalerweise nicht als verbindende Größen betrachten. Helmut Rauch und Sie haben sich trotzdem darauf eingelassen. Inwieweit hat das Gebiet der Physik ihren eigenen Standpunkt der Todeswissenschaften verändert?

Helmut Rauch hat quantenphysikalisch bewiesen, das Lebende und Tote verschränkt sind. Das heißt, dass sie nicht voneinander getrennt, sondern sie sind und bleiben verschränkt. Sie bleiben gewissermaßen ein und dieselbe Gemeinschaft. Man kann sagen es ist eine höhere Person, die aus zwei Personen besteht. Deswegen hat sich mein eigener Standpunkt der Totenwissenschaft nicht verändert. Die Quantenphysik hat sie nur bestätigt.

Was ist der Tod in der Quantenphysik?

Es gibt eine biologische Evolution und es gibt auch eine geistige Evolution. In der Quantenphysik steht wir sind alle unsterbliche Informationsquanten. Das heißt, wir sind Welle und Teilchen. Das Teilchen ist materiell und die Welle ist immateriell, ist Geist. Und ich habe immer gesagt, der Tod verwandelt Materie in Geist. So betrachte ich den Tod als Erlösung von der Materie, die Welle wird vom Teilchen erlöst und getrennt. Das ist für mich der Tod. 

Schicksal ist eine Koproduktion.

Lotte Ingrisch

Früher haben Sie für Ihre Werke und Äußerungen Morddrohungen und Anfeindungen bekommen. Sie haben Ihrem Mann nie davon erzählt… Wie konnten Sie das seelisch verarbeiten?

Ich habe mich schon erschrocken und habe zeitweise am eigenen Verstand gezweifelt, weil die Majorität dagegen war. Bis ich darauf gekommen bin: Ich bin einfach meiner Zeit – und ich war es immer – so ungefähr 20 bis 30 Jahre, manchmal bis 50 Jahre voraus. Ich habe immer geglaubt, ich denke mir das alles aus, bis ich draufgekommen bin: ich bin eine Prophetin!

Ich schreibe von der Zukunft ab, und ich denke immer die Zukunft und empfinde immer die Zukunft. Das heißt ich war eigentlich nie in der Gegenwart Zuhause, und das hat mir unendlich viele Feinde geschaffen. 

Das was wir Tod nennen, gibt es in Wirklichkeit gar nicht.

Lotte Ingrisch

Trotz all dieser Drohungen haben Sie weitergemacht. Wie fühlt es sich an, gegen den Strom des „Normalen“ zu schwimmen? Woher nehmen Sie ihre Kraft?

Jeden Vorläufer erkennt man an den Pfeilen im Rücken. Mein Rücken ist übersät mit Pfeilen. Aber nachdem ich weiß, dass ich ein Vorläufer bin, und dass ich das durchstehen muss, habe ich mir nicht allzu viel draus gemacht. Ich bin schon erschrocken vor so viel Feindseligkeit, aber ich konnte sie bewältigen.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihr Leben, glauben Sie an die Macht des Schicksals?

Also, ich bin mir nicht sicher, dass es ein Schicksal gibt. Zufall und Notwendigkeit haben es zwei Nobelpreisträger beschrieben. Das glaube ich auch. Unser Leben ist nicht exakt als Schicksal aufzufassen, sondern es kann immer Dieses oder Jenes passieren. Schicksal ist eine Koproduktion, von innen und außen, vom Menschen und seiner Umgebung.

Sie sagten einmal „der Motor der Konsumgesellschaft ist die Angst vor dem Tod“.

In lauter Angst glauben die Menschen der liebe Gott ist die Wirtschaft und der Sinn des Lebens ist der Konsum. 

Ich erinnere mich zum Beispiel, als ich geflogen bin, haben die Leute haben alle aus purer Angst Essen bestellt – es konnte noch so grauslig sein – und sie haben es gegessen. Denn irgendwie hatten sie das Gefühl, wenn ich esse, kann ich nicht abstürzen. Wenn ich esse, kann ich nicht sterben.

Die Angst vor dem Tod bestimmt eigentlich bei den meisten Menschen ihr ganzes Leben. Bei mir hat das nicht gestimmt, weil ich mich nie vor dem Sterben gefürchtet habe, ich habe mich immer drauf gefreut. 

Aus meinem Wissen in der Jenseitsforschung habe ich versucht aufzuklären. Ich wollte den Menschen die Angst vor Sterben und Tod und ihre große Trauer nehmen, indem ich gesagt habe, das was wir Tod nennen, gibt es in Wirklichkeit gar nicht. 


In einem zweiten Teil des Interviews gibt Lotte Ingrisch Einblicke, wie sie mit den Toten kommuniziert, wie sie zu aktiver Sterbehilfe steht und was das alles mit der Quantenphysik zu tun hat.


Lotte Ingrisch (*20. Juli 1930 in Wien) ist eine österreichische Schriftstellerin. Als „Liebhaberin von Geistern und der Quantenphysik“ oder als „Reiseführerin ins Jenseits“ hat sie sich über österreichische Grenzen durch einen Namen gemacht. Eines ihrer bekanntesten Werke ist die Mysterienoper Jesu Hochzeit, deren Uraufführung 1980 zu einem Theaterskandal wurde. Ihre letzten Buch-veröffentlichungen zusammen mit dem Physiker Helmut Rauch sind „Der Quantengott“ und „Die Quantengöttin“.

Im Jahr 2002 wurde ihr das österreichische Ehrenkreuz 1. Klasse für Wissenschaft und Kunst für ihre Forschung zu Sterben und Tod verliehen.

Literatur von und über Lotte Ingrisch findet ihr hier.

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