Benedict Wells. © Bogenberger / Autorenfotos

Benedict Wells liest.

Vom Ende der Einsamkeit

Die Veranstalter von „Regensburg liest ein Buch“ haben Benedict Wells für eine Lesung aus seinem Bestseller „Vom Ende der Einsamkeit“ nach Regensburg geholt. Die vorerst letzte Veranstaltung im Stadttheater Regensburg mit emotionalen Textpassagen, gefühlvollen Balladen, tosendem Applaus und der Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit.

Auf den ersten Blick würde man nicht meinen, dass sich hinter dem jungenhaft wirkenden Benedict Wells eine unbändige schriftstellerische Genialität verbirgt. Über einem schwarzen Rollkragenpulli trägt er ein dunkles Sakko. Auch bei seiner übrigen Klamottenwahl bevorzugt er mit einer grau melierten Stoffhose und schwarzen Schuhen die klassische Linie. Markante Wangenknochen verflechten sich mit seinen feinen Gesichtszügen. Da sind die haselnussbraunen, blitzenden Augen und die linke Augenbraue, die immer ein bisschen zu weit nach oben gezogen wirkt.

Während er behutsam gestikulierende Bewegungen macht, um seine Worte zu unterstreichen, stechen auf der dunklen Bühne seine feinen, schmalen Hände deutlich hervor. Er wirkt souverän und professionell, doch so nahbar und zugewandt wie ein guter Freund, den man eben auf einen Kaffee trifft. Sein Talent und Können als Autor ist so filigran und präzise, dass es unmöglich erscheint, von dem unablässigen Erfolg seiner Bücher abzuheben. Bodenständig mit einem feinen Gespür für Empathie, so möchte man Benedict Wells beschreiben.

 „Die Einsamkeit in uns können wir nur gemeinsam überwinden.“

Vom Ende der Einsamkeit

Drei Geschwister

„Vom Ende der Einsamkeit“ erzählt von der Hauptfigur Jules und seinen zwei älteren Geschwistern Marty und Liz, deren Eltern bei einem tragischen Autounfall tödlich verunglücken. Daraufhin werden die Geschwister in einem Heim untergebracht, in der sich das einst so verbundene Trio voneinander entfremdet. Eine, mit Träumereien durchzogene Kindheit weicht der kalten Realität. Aus dem abenteuerlustigen Jules wird ein schüchterner, zurückgezogener Junge. Marty entwickelt sich zu einem sich selbst ausgrenzendem Nerd und Liz flüchtet sich in Drogen und Alkohol. 

Erst durch die tiefe Verbundenheit zu Alva, einer Mitschülerin, gewinnt das Leben von Jules wieder an Wertigkeit, welches durch ein erschütterndes Ereignis und dem vorerst endgültigen Ende ihrer Freundschaft ins Wanken gerät. Beide merken zu spät, wieviel mehr sie dem anderen bedeutet haben und doch vergehen elf Jahre bis zu einem Wiedersehen.

„Das Gegengift zu Einsamkeit ist Geborgenheit“

Vom Ende der Einsamkeit

Mit 24 Jahren beginnt Benedict Wells seinen wohl feinfühligsten Roman. Sieben Jahre schreibt er an dem Buch und kürzt den Bestseller von anfangs 800 Seiten auf 350 Seiten. Auch Benedict Wells kam, wie die Hauptfigur Jules, mit sechs Jahren in ein Heim. „Es klingt in Wahrheit schlimmer. War aber besser“, sagt er über seine Internatszeit. Nach dem Abitur entschied er sich gegen ein Studium und ging nach Berlin, um zu schreiben. „Vom Ende der Einsamkeit“ ist sein vierter, im Diogenes Verlag erschienener, Roman. 

Die Gefühle von Einsamkeit und Leere, die in dem Roman so deutlich hervorstechen, habe er genauso erlebt und in diese Geschichte einfließen lassen. Ein Lebenskunstwerk von 35 Jahren, dass ganz bewusst Schnitte von fünf Jahren lässt, um dem Leser den nötigen Freiraum und die Fantasie zu gewähren. Dabei soll jenes Gefühl vermittelt werden, dass nicht erzählt werden kann, sondern in der bloßen Verbundenheit zwischen Leser und Buch erst erfahrbar wird. 

Inwieweit kann Dich deine eigene Vergangenheit einholen?

Benedict Wells

„Feels like home“

Mit Singer und Songwriter Jakob Brass findet Benedict Wells in seiner Lesung ein harmonisches Gegenwicht zu seinen Textstücken. Im Unterschied zu Benedict Wells trägt er ein einfaches blaues Shirt, Jeans und Sneakers. Die kinnlangen Haare und der rötliche drei Tage Bart gehen in einer Linie ineinander über. Er wirkt verträumt, wenn er seinem Künstlerkollegen beim Lesen zuhört. Dann stützt er sich auf seine Gitarre und vergisst alles um sich herum.

Es war vor zehn Jahren auf der Benefizveranstaltung „feels like home“, wo sie sich zum ersten Mal begegnet sind. Für den guten Zweck. Aus gemeinsamer Arbeit entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. Diese Verbundenheit spürt man auf der Bühne. Und obwohl sie, dass in Dunkelheit getauchte Publikum, nur erahnen können, berühren sie mit der Verschmelzung von Literatur und Musik jeden Einzelnen im ausverkauften Theater. 

„Dad, ich hab dich lieb“ 

Benedict Wells

Worte des Abschieds zum Publikum und seinem Vater, bevor der tosende Applaus einsetzt. Als Benedict Wells ein erneutes Mal von den Gästen auf die Bühne gefordert wird, geht er an den Rand der Bühne und wirft seinem Vater einen zärtlichen Handkuss zu, um danach endgültig hinter dem Vorhang zu entschwinden.

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