Das Geschäft mit dem Tod

Jeder muss einmal sterben. Trotzdem beschäftigen wir uns nur ungerne mit dem Tod. Es gibt aber Menschen, die den ganzen Tag nichts anderes machen: Bestatter, Trauerbegleiter und Mitarbeiter im Krematorium. Sie haben einen unverstellten Blick auf das Lebensende – und arbeiten in einer Branche mit Perspektive.

Es dämmert bereits, als der schwarze Leichenwagen vorfährt. Ein Mann steigt aus und öffnet die Türen des Kofferraums. Mit ein paar Handgriffen befördert er den Sarg auf ein Metallgestell und schiebt ihn in die Eingangshalle des Krematoriums Ohlsdorf. Dort stehen bereits mehrere Särge, die von Mitarbeitern in die Kühlung gebracht werden.

Ulrike Arnold, Leiterin des Bestattungsforums Ohlsdorf, öffnet die massive Metalltür zu einem der mehreren Kühlräume. Bei circa vier Grad werden hier die Verstorbenen aufbewahrt. Einfache Särge aus Kiefern- oder Fichtenholz werden neben hochwertige Modelle aus Mahagoni oder Eichenholz mit aufwendigen Verzierungen gestellt. In jedem dieser Kisten liegt ein Leichnam. Jeweils zwei Zettel kleben an den Särgen: Einer mit dem Namen des Verstorbenen und der andere mit der Einäscherungsnummer. „Dort wird vermerkt, ob der Rechtsmediziner den Leichnam bereits begutachtet und den Todesvorfall dokumentiert hat“, sagt Ulrike Arnold.

Ein langer Gang führt entlang an weiteren Kühlanlagen. Die Schiebetüren zu beiden Seiten bestehen aus gewaltigem Metall und an der Decke leuchten grelle Leuchtstoffröhren. Entgegen der kühlen Atmosphäre ist die Stimmung unter den Mitarbeitern entspannt. Einer von ihnen pfeift ein Lied. Unmittelbar vor dem Ende des Gangs erstreckt sich auf der rechten Seite ein weiterer Flur, der zum Ofen des Krematoriums führt. Die großen Metallrohre an der Decke glänzen und werfen Schatten auf den Fußboden. Einzig die dunkelrote Farbe des Ofenschachtes wirkt warm und freundlich, wie eine Empfangshalle für den letzten Weg der Toten.

Vor dem Ofen steht ein Holzsarg. „Manche Angehörige möchten kurz vor der Einäscherung nochmal in den Sarg schauen, um sicherzugehen, dass die Person auch wirklich darin liegt. Das ist auch eine schöne Möglichkeit zur direkten Verabschiedung“, sagt Ulrike Arnold. Die nächste Einäscherung findet in 20 Minuten statt. „Das ist dann die Letzte für heute“, sagt der technische Leiter und schiebt einen leeren Wagen fort.

Bestatter aus Leidenschaft

Der Holzsarg kurz vor der Einäscherung.

Sven Müller ist einer von ihnen. Er ist Bestattungsfachkraft im Haus der Zeit in Ahrensburg. „Als Bestatter muss man verstehen, dass man Leute vor sich hat, die sich in einer Extremsituation befinden“, sagt er. „Gerade dann ist es wichtig, die Menschen gut zu begleiten.“ Seine Augen blicken geradeaus, als ob er in der Ferne etwas sucht. Die Hände hat er locker in die Taschen seiner dunklen Jeans gesteckt.

Im Gegensatz zu seiner schwarzen Arbeitskleidung ist das Haus der Zeit hell und modern eingerichtet. Durch den Innenhof, vorbei an Blumen, Sträuchern und einem kleinen Teich, gelangt man in das Bestattungshaus. Eine Fensterfront gewährt den Blick nach draußen. „Die Menschen sollen uns mit keinem noch traurigeren Gefühl verlassen“, sagt Sven Müller und lächelt. Ein Bestatter muss gegenüber seinen Kunden offen sein, er kommt ihnen sehr nahe – und trotzdem ist seine Arbeit eine Dienstleistung und ein Geschäft. Die Kosten für eine Bestattung variieren zwischen 3.500 und 10.000 Euro. Das hängt davon ab, welche Leistungen inbegriffen sind, etwa der Blumenschmuck oder der Grabstein.

Geburtendefizite in Deutschland

Es sterben mehr Menschen, als geboren werden (Quelle:destatis, 2016)

Tatsächlich sterben in Deutschland mehr Menschen als geboren werden. Im Jahr 1990 gab es kaum Unterschiede. 26 Jahre später ist das Geburtendefizit weitaus größer (siehe Grafik). Der Bedarf an Bestattungen steigt. Deshalb sind auch Discount-Anbieter in die Branche eingestiegen und werben mit günstigen Angeboten. Särge aus Polen werden importiert oder Kaffeefahrten in die Niederlande angeboten, wo die Gesetze nicht so streng reguliert werden. Doch Sven Müller glaubt nicht, dass sich der Trend hin zu einer solchen Bestattungskultur entwickeln wird: „Der Großteil der Menschen will eine würdevolle Bestattung.“

Sven Müller hat Hochachtung vor der eigenen Tätigkeit. „Für mich ist Bestatter sein, ein sehr sozialer Beruf. Es ist die Arbeit mit den Angehörigen und nicht mit den Toten“, sagt der 25-Jährige. Das Abschied nehmen und der Umgang mit dem Tod gehören dazu. Im Haus der Zeit stehen hierfür mehrere Abschiedsräume zur Verfügung. Auch sie werden kühl gehalten, sind aber in warmen Erdtönen gestrichen. „Im Keller befindet sich ein Aufzug, mit dem der Sarg direkt aus der Kühlung hochgefahren wird“, sagt Sven Müller.

Im Keller ist der Arbeitsplatz des Thanatopraktikers. Er konzentriert sich ausschließlich auf die Leiche. Das Prozedere beginnt mit dem Waschen des toten Körpers und endet mit der Einbalsamierung und auch der ästhetischen Wiederherstellung von Unfallopfern. Hier unten spürt man nichts mehr von derfreundlichen Atmosphäre des Bestattungshauses. Auf einem Metalltisch liegen, fein säuberlich sortiert, die notwendigen Arbeitswerkzeuge. Die Trauernden sehen diesen Ort nicht – er wird von ihrer Realität ferngehalten.

„Unsere Arbeit ist wie eine Schatzsuche“

Willkommen sind sie indes in der Traueragentur „„Vergiss Mein Nie“ von Madita van Hülsen und Annemone Zeim. Seit 2013 sind die beiden ausgebildeten Trauerbegleiterinnen in ihrem kleinen Laden in der Eimsbütteler Chaussee 71 zu finden. „Wir haben eine große Verantwortung, egal wie spielerisch wir mit dem Thema umgehen. Es ist eine kreative Arbeit und damit auch ein guter Zugang zu der Gefühlswelt der Trauernden“, sagt Annemone Zeim. „Das ist wie eine Schatzsuche: wo ist noch Energie in diesem Menschen, was gibt ihm Kraft und wovon können wir mehr machen.“

Zusammen mit Madita van Hülsen sitzt sie an einem großen Tisch, der in der Mitte des Büros steht. Es erinnert an ein Künstleratelier, überall liegen Bastelutensilien. An den Wänden hängen Bilderrahmen, ein Whiteboard und Kisten, in Kuscheltiere, Karten und Bücher liegen. Sogenannte Erinnerungsstücke, wie die beiden Frauen sie nennen.

Die Stalltür dient bei „Vergiss-mein-nie“ als Tisch.

„Wir ändern die Perspektive auf bestehende Sachen. Wir drehen Dinge um und benutzen sie anders. Das ist enorm Kraft schenkend für Trauernde“, sagt Annemone Zeim. Madita van Hülsen deutet auf den türkisfarbenen Tisch. „Das war beispielsweise mal eine Stalltür. Wir haben sie als Tisch umfunktioniert“, sagt sie und strahlt.

Doch nicht nur in der Trauer sind Annemone Zeim und Madita van Hülsen für die Menschen Wegbegleiter. Beide kommen aus der Kommunikationsbranche, bieten Workshops und Weiterbildungen an. Auf ihre Erinnerungsstücke sind sie ganz besonders stolz. „Allein das Schleifchen an der Verpackung oder eine handgeschriebene Karte haben eine ganz große Wirkung“, sagt Annemone Zeim. All diese Dinge werden in liebevoller Handarbeit in dem Hinterzimmer der Traueragentur hergestellt. Schwere Kartons stapeln sich bis unter die Decke. Und vielleicht gerade weil es hier so voll ist, wirkt dieser Ort so gemütlich und lebendig.

„Trauerbegleitung ist immer im Hier und Jetzt.“

Der Anfang von „Vergiss Mein Nie“ war nicht leicht. Themen wie Tod und Trauer sind nach wie vor in Deutschland tabuisiert. „Das ist unser Ding“, sagt Annemone Zeim. „Wir wollten die Trauerarbeit aus dieser Ecke herausholen und darüber reden.“ Als Dienstleister fungieren die beiden dann, wenn sie Menschen beraten, Workshops leiten oder Erinnerungsstücke herstellen. „Das ist nicht nur Kaffeekränzchen, sondern richtige Arbeit“, sagt Annemone Zeim.

Doch für viele Menschen ist dieser soziale Beruf immer noch fremd. Seit zehn Jahren kämpft der Verband der deutschen Trauerbegleiterdafür, dass der Beruf von den Krankenkassen anerkannt wird. „Langsam findet ein Umdenken statt, aber für viele ist es neu, dass ein Trauerbegleiter bezahlt wird“, sagt Madita van Hülsen. „Dabei ist es genauso wichtig, wie der Beruf des Psychologen.“

Mit „Vergiss Mein Nie“ wollen die jungen Frauen gesellschaftlich etwas verändern: „Eigentlich wären wir beide froh, wenn man keine Trauerbegleiter mehr brauchen würde. Wenn Freunde wieder angstfrei füreinander da sein könnten, ohne den anderen zu beurteilen, wie er sich in der Trauer gerade verhält.“ Bis es aber soweit ist, müssen noch viele Tabus gebrochen und Vorurteile beseitigt werden. „Vielleicht braucht man uns nur ein-, zweimal im Leben, aber dann müssen wir da sein.“

Bestatter und Trauerbegleiter werden täglich auf unterschiedliche Weise mit dem Tod konfrontiert. Die menschliche Sterblichkeit ist für sie real, während sie in unserer Gesellschaft oft ausgeblendet wird. Um den Tod wieder als Teil des Lebens anzuerkennen, braucht es einen anderen Umgang mit dem Thema – und Menschen, die uns begleiten und unterstützen, wenn es sonst niemand kann.


Die Reportage wurde im Februar 2018 auf Fink.Hamburg veröffentlicht. Mittlerweile ist Annemone Zeim für die Traueragentur „Vergiss-mein-nie“ als alleinige Inhaberin verantwortlich.

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